Gute Interviews sind ja immer ein Geschenk, hört man sich doch selbst dabei zu, manchmal überraschende neue Antworten zu geben.
Interviews von Ernst Demmel sind da immer nochmal eine ganz andere Dimension.
Regelmäßig überschreiten wir dabei
⌛ den zeitlichen Rahmen bei weitem
🌋 das immer zu knappe Themenkorsett
🤩 die bisherige eigene Meinung.
Danke für das spannende Gespräch und die Einladung zur Mitwirkung beim 26butterfly corporate carisma camp von 17.-20. September in Kärnten. Ein außergewöhnlicher Impuls für all jene die in Führungs- und Gestaltungspositionen die die Zukunft nicht nur abwettern, sondern vor allem gestalten und nutzen wollen!
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Rainer Peraus über Intuition, Utopien als Denkrahmen – und warum man für echte Zukunftsarbeit manchmal mit sehr kleinem Gepäck aufbrechen muss.
Rainer Peraus denkt Zukunft nicht als sauber gerahmtes Zielbild. Eher als Gelände, das sich erst erschließt, wenn man die alten Karten für einen Moment aus der Hand legt. Als Sozialwissenschaftler, Begleiter von Führungskräften und – sein eigenes Wort – „Entgrenzer“ arbeitet er mit Menschen und Organisationen dort, wo Fortschreibung nicht mehr genügt. Und wo etwas Neues noch nicht benennbar, aber meist bereits spürbar ist.
Für das 26butterfly Corporate Karisma Camp bringt er einen Zugang mit, der Intuition nicht romantisiert, aber im Kern ernst nimmt: als Möglichkeit, diffuse Signale, Sehnsüchte und innere Bewegungen wahrzunehmen, bevor der Verstand sie in Pläne, Kennzahlen und Absicherungen übersetzt. Ein Gespräch.
Text: Ernst Demmel.
Rainer, wie gehst du persönlich mit Intuition um? Spielen Bauchentscheidungen in deinem Leben eine große Rolle?
Ich bin vom Sternzeichen her Zwilling. Ich wusste lange nicht, was das genau bedeutet – außer dass es offenbar ziemlich gut beschreibt, wie ich funktioniere. Ich arbeite meistens aus mindestens zwei Personen und zwei Perspektiven heraus. Einerseits möchte ich Dinge rational planen, vorsorgen, Probleme antizipieren. Das tue ich auch ernsthaft.
Und dann entscheide ich eine Minute später genau anders, weil ich spüre, dass es so wahrer ist. Selbst wenn ich auf Verstandesebene eine starke Entscheidung getroffen habe, höhle ich sie so lange aus, bis das Bauchgefühl zu seinem Recht kommt. Obwohl ich ein sehr denkender Mensch bin, folge ich letztlich wahrscheinlich zu hundert Prozent der Intuition. Das ist manchmal kostspielig – finanziell, zeitlich, biografisch. Aber offenbar mein Weg.
Welche Rolle spielt Intuition, wenn wir uns möglichen Zukünften nähern?
Man muss unterscheiden zwischen Zukünften, die sich fortschreiben lassen, und solchen, die einen radikalen Bruch brauchen. Beim Fortschreiben funktioniert Verstandeskraft gut. Gleichzeitig verbietet sie uns alles, was links und rechts daneben liegt und nicht ins gegenwärtige Bild passt.
Der Verstand verspricht Kontrolle. Er sagt: Vertrau mir, ich habe es im Griff, ich schütze dich und sorge vor. Und er nimmt uns damit vieles weg, was verwirrend ist, aber vielleicht wichtig wäre. Wenn die Signale aber unangenehmer werden, diffuser, wenn der Sinn sich immer weniger erschließt und man immer mehr Pseudobrücken bauen muss, damit es doch noch irgendwie geht – dann ist der Punkt erreicht, an dem man der Intuition zu ihrem Recht verhelfen muss.
Es beginnt mit dem einfachen Satz: Da passt etwas nicht. Ich weiß noch nicht, was. Aber es stimmt nicht mehr hundertprozentig. Und genau dort liegt oft der Anfang des Neuen.
Rainer Peraus ist Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler, Vordenker und „Mr. Utopie“ Österreichs. Er begleitet Führungskräfte und Organisationen dabei, Möglichkeitsräume zu öffnen, etablierte Wirklichkeitsbilder zu hinterfragen und Zukunft nicht nur als Fortschreibung des Bestehenden zu verstehen.
Du arbeitest viel mit Utopien – nicht als politisches Zielbild, sondern als Werkzeug. Wie funktioniert das?
Historisch waren Utopien oft Beispiele alternativer Lebensweisen, die man neben die bestehende Wirklichkeit gestellt hat – als Freiraum oder, noch wichtiger, als lebensrettender Schutzraum vor Zensur, um andere Wirklichkeiten zu denken. Ohne unmittelbare Empfehlungswirkung. Man konnte darin spazieren gehen und sagen: Dieser Aspekt davon fühlt sich richtig an. Oder: Das ist eine Welt, die ich niemals haben möchte – und ich kann sie vielleicht sogar verhindern.
Für mich ist Utopie vor allem ein Wahrnehmungswerkzeug. Ein mehrdimensionales. Nicht ein Szenario, das in einer Tabelle Platz hat, sondern ein Raum, in dem ich mich bewegen kann. Und weil Utopien narrativ sind, beinhalten sie das Subjekt. Das ist der entscheidende Unterschied zum Szenario-Denken: Potenzial ist nicht einfach eine generelle Situation. Es entsteht aus mir und der Situation. Aus dem, was die Zeit anbietet – und dem, was mich daran ruft.
Wo beginnt diese Reise zur Utopie – und wo führt sie hin?
Sie beginnt mit dem Ende des Bisherigen. Das vergessen wir oft und gerne und wollen einfach weiter, aber mehr, besser und anders. Doch es braucht das schrittweise Verlieren der alten Ordnung, des alten Richtungsvektors. Normalerweise denken wir: Zukunft muss ungefähr dort sein, weil ich bisher in diese Richtung gegangen bin. Bei echter Zukunftsarbeit muss ich diesen Vektor loslassen – bis hin zu einem Punkt, an dem ich nicht mehr genau weiß, wohin ich eigentlich will.
Utopia ist für mich der Scheitelpunkt dieser Reise. Dort verbinde ich mich mit dem, was morgen sein könnte – noch nicht als Lösung, noch nicht als Plan, sondern als eine Art Insel des Möglichen. Das lässt sich kaum verbalisieren. Es ist eher eine Gewissheit, ein Gefühl, eine Zukunftsfreude. Und danach: rasch ins Tun. Wer die neue Richtung erst fertig durchdenkt, bevor er handelt, hat die alte Erfahrung schon wieder eingeholt. Manchmal hilft es, einfach anzufangen – mit einer utopischen Zumutung, die eigentlich unmöglich ist, außer dass sie gerade stattfindet. Plötzlich verändert sich die Zuschreibung der Welt.
Das Corporate Karisma Camp ist auch als Reise gedacht. Was müssen Menschen mitbringen?
Nicht viel. Diejenigen, die sich darauf einlassen, haben sich ja schon vor sich selbst geoutet. Die brauchen nichts einzupacken außer sich selbst.
Heute bekommt man bei jeder Einladung fünf Bullet-Points: In diesem Meeting lernen Sie das, bemerken Sie jenes, verändern Sie dies. Das ist langweilig. Wenn man sich wirklich mit Zukunft beschäftigen will, ist das Schlimmste, vorher zu versprechen, was sein wird. Dann bräuchte man sich gar nicht mehr auf den Weg zu machen.
Erfahrene Reisende reisen mit sehr kleinem Gepäck – nicht, weil sie nichts brauchen, sondern weil sie über Jahre gelernt haben, was wirklich notwendig ist. Sie haben keine riesigen Sicherheitsreserven mehr nötig. Sie wissen: Auf der Reise wird sich das managen lassen. Was man nicht eingepackt hat, findet man unterwegs – oder bekommt es von jemandem, den man noch gar nicht kannte. Das ist vielleicht der schönste Lernsatz aus vielen solcher Reisen.
Wenn du das Camp vom Ende her denkst: Wo könnten wir gemeinsam landen?
Meine Hoffnung ist, dass bei Menschen eine Verschiebung stattfindet. Dass Teilnehmer:innen ein Stück ihres inneren Utopias – ihrer inneren Potenzialahnung – freigeben können. Und dass sie die Zuversicht gewinnen: So, wie ich bin, bin ich gemeint. Und mein Beitrag passt genau in diese sich ankündigende Welt.
Aus so etwas entstehen große Revolutionen. Aber auch kleine, kaum sichtbare Veränderungen. Beides zählt. Für mich wäre es schön, wenn Menschen ermutigt und ermächtigt aus dieser Reise gehen. Wenn sie sich stärker mit sich selbst verbunden haben – und sich trauen, das nach außen zu wenden, was gerade dran ist.
Was mich wenig glücklich machen würde: wenn jemand sagt, ich habe interessante Methoden kennengelernt und ein paar Fotos gemacht. Was mich glücklich macht, ist ein Raum, in dem Menschen sich erlauben, zu spüren und zu sein, was sie sind. Und von dort aus den nächsten Schritt zu machen.
Der Flaschenhals des radikalen Fortschritts – persönlich wie gesellschaftlich oder organisational – ist nicht Können oder Müssen. Es ist, radikal Neues zu dürfen.











